Allgemein Kolumne

Kolumne: Lebst du schon oder stalkst du noch?

ANNE_LANCASTER_419_WEB Kopie

Ein paar persönliche Worte, ein privater Einblick und meine Gedanken sind momentan längst überfällig. Ich weiß. Längst überfällig ist aber momentan auch „the story of my life“. Eigentlich ist alles längst überfällig. Der Alltag spielt jedoch gerade ein anderes Spiel mit mir und deshalb funktioniert nun mal nicht immer alles nach Plan und leider auch nicht nach dem digitalen Plan, den ich mir eigentlich auf den Zettel geschrieben hatte. Ich habe viele Themen und fertige Kolumnen in meinem Kopf und heute endlich mal wieder Zeit über ein Thema zu schreiben, dass mir schon lange im Kopf herum schwirrt. Lebst du schon, oder stalkst du noch?

Die sozialen Medien haben unseren Planeten besiedelt und regelrecht die Oberhand übernommen. Das ist nichts Neues und die Problematik, die damit einhergehen kann ist allen bekannt. Chancen und Risiken bieten unsere geliebten Netzwerke und sie sind, das ist klar, eine große Bereicherung für unser Leben, wenn sie denn realistisch genutzt werden.

Es gibt ständig neue Kanäle, die zu bespielen und zu betrachten sind. Als vor einigen Wochen Instagram Stories aufkam, bekam ich erstmal Schnappatmung und dachte kurzzeitig über einen Ausstieg aus dem digitalen Leben nach, denn noch einen Kanal kann ich bei Weitem nicht bewältigen. Um das alles sinnvoll, geschmackvoll und liebevoll zu bedienen braucht man vor allem eines, Zeit. Und die habe ich nicht. Oder sagen wir besser, die brauche ich für andere Dinge in meinem Leben. Der Tag könnte ohnehin gerade 36 Stunden haben und selbst das würde nicht reichen, wenn ich nicht endlich die Gedanken und Sorgen in meinem Kopf abschalten könnte. Zeit ist, was du draus machst. Wenn du nicht runter kommst und den Moment genießt, wirst du im Grunde nie Zeit haben. Zeit um zu Leben.

Die sozialen Medien bauen einen enormen Druck auf. Druck auf die, die sie für Ihre beruflichen Zwecke nutzen und ebenso Druck auf die, die sie konsumieren. Und trotzdem sind es ganz verschiedene Ansätze. Bei mir bewirkt dieser Druck, dass ich einen eigenen Weg finden muss. Ich muss mich aus dem Strudel befreien und im Notfall gegen den Strom schwimmen, um mich zu erleichtern. Auch, wenn das geschäftlich gesehen nicht unbedingt förderlich ist.

Wenn sich zu viel Druck in mir aufbaut, wird das Gegenteil erreicht, ich ziehe mich zurück. Und so ist es momentan bei mir und den sozialen Medien. Ich habe für mich einen Weg gefunden, indem ich momentan alles mit einer großen Distanz betrachte, sehr wenig konsumiere und selbst nur gezielt bediene. Wenn mir danach ist, wenn es Spaß macht und wenn ich gerade Zeit dafür habe. Das Resultat ist, dass ich natürlich nicht das Instagram 1 x 1 beherzige, keinen blütenreinen Bilderfeed habe und ich keine von denjenigen bin, die geschäftlich gesehen außerordentlich aus der Masse stechen. Dessen bin ich mir bewusst. Aber mein eigenes Leben ist dadurch keines Falls schlechter und deshalb ist es für mich der richtige Weg.

Bei einigen wenigen Kolleginnen kann ich momentan einen ähnlichen Trend beobachten. Viele von uns sind nun schon fast ein Jahrzehnt in diesem Business und zählen zu den Blogger-Omas. Natürlich lässt jede Faszination irgendwann mal nach, wird durch etwas anderes ersetzt und letzten Endes besinnt man sich wieder auf die Anfänge, wie alles begann. Nämlich auf dem Blog und nicht bei Snapchat. Ich wollte ja auch nie Youtuber sein, dann wäre ich jetzt Vlogger. Ich beschränkte mich auf das geschriebene Wort und deshalb muss ich immer wieder feststellen, dass ich einfach nicht für Snapchat geboren wurde. Es macht mir Spaß, wenn es Ereignisse gibt die interessant, schön und mitteilungsbedürftig sind. Aber ich kann meinen Alltag nicht für Social Media leben und nicht dafür präparieren immer ein schönes Bild zu schaffen. Ich bin einfach nicht der Mensch, der morgens sein Frühstück so herrichtet, dass es fotogen ist. Ich finde es bei anderen schön und ich lasse mich gern davon inspirieren und ja, es gibt sicher auch mal Tage, an denen ich mir besonders viel gebe. Aber die Realität sieht dennoch ziemlich schlicht und normal aus.

Bei mir ist eben nicht alles wie in einem Katalog. Und bei jedem anderen auch nicht. Andere haben vielleicht nur mehr Zeit und Muse besonders schöne Motive zu schaffen. Und das ist auch gut so, denn Snapchat, Instagram und co leben durch Ästhetik und schöne Bilder und ich bewundere all meine Kolleginnen, die diese Gabe aus dem FF beherrschen. Ich sehe mir das selbst auch super gerne an. Wohl dosiert und immer mit dem Wissen dahinter, dass niemand, wirklich niemand von uns ein perfektes Leben hat. Für viele von uns ist es einfach ein Business und wir verdienen unser Geld damit Momente zu schaffen, Bilder zu bearbeiten und so darzustellen, als sei das Leben ein Bilderbuch. Und ich denke das ist auch gut so. Denn wenn wir die Realität sehen wollen brauchen wir nur zu einem Nachrichtensender zu wechseln und die Wirklichkeit ist schon erdrückend genug, sodass sie auf einem Modeblog vielleicht nichts zu suchen hat.

Ein Problem wird es nur, wenn die Konsumenten nicht mehr zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden können. Wenn sie sich mehr darüber ärgern, dass sie jetzt nicht auf Reisen sind, als sich an den Bildern anderer zu erfreuen. Wenn sie sich ständig fragen, wie sich andere die Designertaschen leisten können. Wenn sie ernsthaft neidisch darauf sind, dass andere scheinbar so ein tolles Leben führen und sie selber nicht.

EDIT: Ehrlich? Ist es das, was uns antreibt oder besser gesagt nicht antreibt, sondern schlechte Laune macht? Dass eine eigentlich fremde Person fünf Chanel Taschen in fünf Farben hat und man selbst nicht? Es gibt so viele Geschichten hinter den Bildern, die wir nicht sehen. Vielleicht sind die Taschen geliehen, geschenkt, geerbt oder die Person hat einfach so viel dafür gearbeitet oder hatte einfach eine Menge Glück. Oder nehmen wir die Reiseblogger. Hinter jedem Reisebild steckt so viel Organisation, Zeit, Aufwand und am Ende Geld. Bei den professionellen Bloggern hat so eine Reise in den seltensten Fällen wirklich was mit Urlaub zu tun. Es ist Arbeit, die wir nicht sehen und die für viele unbegreiflich ist. Und klar, es ist ein schönerer Job bei einem 5* Frühstück auf Bali zu sitzen, als in Buxtehude im Büro. Aber dafür endet der Bürojob um 17 Uhr und die Bloggerin ist zu der Zeit damit beschäftigt noch drei Outfitposts zu schießen, mit Klamotten, die sie ausgeliehen hat, die ihr nach Bali geschickt worden sind, für die sie zwanzig Emails geschrieben hat und auf die sie eine Woche gewartet hat, bis das Paket endlich ankam. Die danach wieder weggeschickt werden müssen, wenn die Bloggerin schon wieder auf dem Weg zum nächsten Ort, zum nächsten Job, zum nächsten Shooting ist. Ihr habt kein Mitleid? Braucht Ihr auch nicht, natürlich ist das ein Traumjob. Aber es ist ein Job und das ist die Geschichte hinter den Fotos, die in einigen von Euch so viel Unzufriedenheit schaffen.

In letzter Zeit ist mir immer häufiger aufgefallen, dass es viele Menschen gibt die sich viel zu sehr mit dem Leben der anderen beschäftigen und dabei ganz vergessen, ihr eigenes Leben zu leben und zu lieben. Am Ende ist es doch mit den sozialen Medien nicht anders als im Fernsehen. Da gibt es Daily Soaps, Spielfilme, Hollywoodstreifen, Reportagen und Shows. Alle haben eines gemeinsam: Sie unterhalten. Und hinter Ihnen verbirgt sich der unschöne Teil des Fernsehens mit riesigen Kamerateams, Studios und ganz viel Technik. Und am Ende des Tages hat jeder Protagonist irgendwann einmal Feierabend, geht nach Hause und lebt sein eigenes Leben. Und das ist vielleicht sogar viel besser als im Fernsehen und auch viel besser als bei Instagram, da sehen Avocado-Brote nämlich nicht nur schön aus. Sie schmecken sogar richtig gut. Und Partys machen richtig Spaß. Wie, du hast vergessen ein Bild davon zu machen? Dann scheint es vielleicht ja sogar richtig gut gewesen zu sein!?

You Might Also Like

16 Comments

  • Reply
    T.
    15. August 2016 at 12:31

    Ja, ich gebe es zu: Ich bin neidisch, wenn ich tolle Urlaubsfotos auf Instagram sehe, oder eine Designertasche, die ich schön finde. Oder eine Wohnung, die ich toll finde. Und ich frage mich auch manchmal „Warum nicht ich?“ Aber das sind nur Momente, ansonsten freue ich mich an den schönen Bildern. Und nur weil ich manchmal etwas neidisch bin, genieße ich mein eigenes Leben nicht weniger und greife vor allem nicht die Besitzerin der Fotos oder der Tasche oder der Wohnung an!

  • Reply
    Jessika
    15. August 2016 at 13:07

    Liebe Anne,

    so viele wahre Worte und wunderbar geschrieben. Die Social Media Kanäle nehmen Überhand und ich finde es absolut in Ordnung sich dabei zurückzuziehen, denn man ist schließlich vor allem Blogger und daher finde ich es unglaublich richtig und wichtig darauf seinen Schwerpunkt zu setzen und andere Kanäle dann zu bespielen, wenn es sich gut anfühlt!
    Ich persönlich schätze gut geschriebene Texte mindestens genauso wie eine gute Bildsprache!

    Liebste Grüße

    Jessika

  • Reply
    Neele
    15. August 2016 at 13:36

    Liebe Anne, danke für deine Kolumne! Das, was du sagst, beschäftigt auch mich gerade sehr. Immer mehr Kanäle, immer mehr Zeit, die für Snapchat und Instagram drauf geht und dieser Druck, täglich interessante Beiträge abliefern zu müssen. Manche Konsumenten haben tatsächlich immer noch nicht verstanden, was real, was Job und was Inszenierung ist. Dein Vergleich mit dem TV-Programm und dem „Stalken“ ist sehr treffend, wie ich finde. Ich bin auch nicht für Snapchat gemacht (vielleicht sind wir schon zu alt dafür – und eben keine YouTuber) und habe vor Jahren als klassische Bloggerin angefangen. Mittlerweile bin ich nur noch bei Instagram und betrachte auch alles mit Abstand, um zu posten, wann mir danach ist und wenn es was zu berichten/zeigen gibt. Leider haben die Konsumenten auch keine Zeit mehr, die Beiträge zu kommentieren oder zu liken. Das ist bei all dem Überfluss und der Hektik kein Wunder! Aber es demotiviert auch, sich überhaupt weiterhin die Mühe zu machen! Der Zeitgeist hat sich vermutlich einfach verändert und das, was wir machen, ist zu „old school“. Es gibt auch noch ein richtiges Leben, das wirklich schöner ist als die Glitzerwelt.

  • Reply
    Afet
    15. August 2016 at 15:14

    Ich LIEBE diesen Beitrag, Anne! Auch wenn ich keine Bloggerin bin, sprichst du mir aus der Seele. Ich muss gestehen, dass ich mich schon ab und an bei dem Gedanken erwische, die du erwähnst. Vor allem bei Reisebloggern, aber auch bei Freunden oder Bekannten. Social Media ist halt nun mal so ausgelegt. Ich finde es aber auch ehrlich gesagt nicht so schlimm, diese Gedanken zu haben. Solange man nicht anfängt sein Leben doof zu finden, sondern – wie du schon schreibst – sich inspiert zu fühlen, wo man als nächstes hinreisen könnte =)
    Und ganz ehrlich: Ich lese immer noch am aller aller aller Liebsten die Blogs meiner ganzen „Blogger-Omis“ ;) Diese ganzen neumodischen Instagrammer – möchtegern Blogger – sind und bleiben mir suspekt…. Aber vielleicht bin ich dafür auch schon zu alt :P

  • Reply
    Tina
    15. August 2016 at 15:44

    Sehr interessanter Post, und du hast denke ich in Worte gefasst, was viele derzeit fühlen – zumindest auch ich. Immer mehr Social media plattformen, immer mehr Dienste die man bedienen muss (oder kann oder will…) – ich finde auch, dass da der eigene Blog wie ein kleiner „Rettungsanker“ wirkt, auf den man sich zurückbesinnen kann…

    xxx
    Tina

  • Reply
    Alexandra
    15. August 2016 at 21:26

    Danke Anne für diese tolle Kolumne!
    Ich packe jetzt mein Handy weg und genieße mein tolles Buch, auf meinem tollen Sofa,in meiner tollen Wohnung!

    ….man sollte wohl lieber einmal weniger bei anderen stalken und die (freie) Zeit dafür nutzen, um sein eigenes Leben ohne Kamera und Filter zu genießen.

    Und genau das mache ich jetzt :)

  • Reply
    Kate Glitter
    16. August 2016 at 14:52

    So wahr meine Liebe! Du sprichst mir aus der Seele!
    :-* Es gibt wichtigeres im Leben….

  • Reply
    Jana
    17. August 2016 at 21:32

    Ach, Anne. Dafür liebe ich deinen und die anderen Blog-Omas.
    Letztlich gibt es Modemagazine, Blogs und eigentlich die ganze „Yellow-Press“ nur aus diesem Grund: Weil Leite gerne andere/bessere Leben stalken. Soziales Grundbedürfnis, dass ich – da bin ich total Deiner Meinung – in den letzten 10-Jahren zu einem Wahn entwickelt hat.
    Für mich persönlich – man muss nicht auf jeden neuen Kanal aufspringen. Das kanaibalisiert sich doch gegenseitig.

  • Reply
    Saskia
    20. August 2016 at 13:32

    Du hast mir mit deinem Text aus der Seele gesprochen! Danke dafür!

  • Reply
    Irina
    20. August 2016 at 22:42

    Super geschrieben!!!! Ganz toll!

  • Reply
    Top Five der Woche « polanka
    21. August 2016 at 10:38

    […] „Lebst du schon oder stalkst du noch?“ In ihrer aktuellen Kolumne auf Les Attitudes fragt sich Anne, ob man als Blogger wirklich auf Instagram, Youtube, Snapchat usw. unterwegs sein muss, oder ob es sich nicht reicht, sich auf das wesentliche zu konzentrieren – den Blog. Schön geschrieben! […]

  • Reply
    WARUM ICH MIT DEM BLOGGEN ANGEFANGEN HABE - stryleTZ
    21. August 2016 at 17:51

    […] zu beschäftigen. Aber es ist natürlich nicht komplett an mir vorbeigegangen. Und als ich neulich einen Beitrag bei Les Attitudes über den Wandel von Social Media und die Änderung von Bloggern zu … gelesen habe, kam ich nicht umhin, mir meine eigenen Gedanken zu machen. Und die haben mich […]

  • Reply
    Sonja
    4. September 2016 at 16:46

    Prima Artikel, der mir aus der Seele spricht. Einfach mal aussteigen und analog unterwegs sein – das ist doch eh das Schönste und führt hoffentlich bald mal wieder dazu, dass sich die Menschen in U- und S-Bahn wieder in die Augen sehen :)
    Liebe Grüße
    Sonja

  • Reply
    So bloggen wir! Was die Bloggerwelt denkt - in 61 O-Tönen
    6. September 2016 at 08:45

    […] Anne kritisiert Social Media: „Viele von uns sind nun schon fast ein Jahrzehnt in diesem Business und zählen zu den Blogger-Omas. Natürlich lässt jede Faszination irgendwann mal nach, wird durch etwas anderes ersetzt und letzten Endes besinnt man sich wieder auf die Anfänge, wie alles begann. Nämlich auf dem Blog und nicht bei Snapchat.“(les-attitudes) […]

  • Reply
    J.
    7. September 2016 at 11:12

    Jeder sollte sich diesen Beitrag ausdrucken und an seine elektronischen Gerät kleben. Bei jeder „Hochfahren“ seiner Geräte müsste es man sich dann durchlesen und direkt wieder auf „off“ drücken.
    Der Vorsatz, sich aus den sozialen Medien zurück zu nehmen, ist in vielen aber leider wird es von zu wenigen umgesetzt. Vielen Dank für den Beitrag

  • Reply
    Lana_SHON
    11. September 2016 at 02:07

    Ein sehr wunderschöner Beitrag!

  • Leave a Reply

    Protected by WP Anti Spam